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Kolumne
Umgang mit gewaltigen Tragödien ist nicht erlernbar
Von Martin Frohnhöfer am 6. Februar 2010 07:46 Uhr
RECKENFELD Die Erde wurde erschüttert! Und – Wo war Gott? Was erschüttert uns eigentlich? Die Katastrophe in Haiti? Wir reden von einer beispiellosen Solidarität, meint Martin Frohnhöfer in seiner wöchentlichen Kolumne „Von Mensch zu Mensch“.
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Martin Frohnhöfer.
Foto: Archiv
Zu einer beispiellosen Solidarität tragen schon die Medien bei. Gut so! Am 26. Dezember, dem zweiten Weihnachtstag im Jahre 2003 war auch ein Erdbeben. Da wurde nachts um 1,56 Uhr die Stadt Bam im südlichen Iran verwüstet. 30.000 bis 60.000 Tote waren zu beklagen.

Die genaue Zahl steht noch nicht fest

Bis heute weiß man nicht die genaue Zahl. Erinnern Sie sich daran? Nein? Das wäre sogar verständlich. Damals sprach nach vier Tagen kaum noch ein Mensch davon. Damals rief man nicht mit gigantischen Veranstaltungen zu Spenden auf. Damals gab es eben keine weltweite beispiellose Solidarität.

Warum eigentlich nicht? Lag es daran, dass es „nur“ rund 50 000 „fremde“ Tote waren? Moslems im Iran! Das Land, das von Präsident Bush auf der „Achse der Bösen“ stand. Genau zwei Jahre später. Ebenfalls am 2. Weihnachtstag: Die Erde war wieder erschüttert.

Die Rede ist vom erschütterten Paradies


Vom erschütterten Paradies redeten wir da. Stimmt: Was man uns als Traum-Urlaub mit Traum-Stränden zum Beispiel im „Paradies“ von Sri Lanka verkaufen wollte, war von heute auf morgen weg. Durch einen schrecklichen Tsunami. Die schlimmen Folgen sind bis heute noch nicht behoben.

Und jetzt das schreckliche Erdbeben in Haiti. Da bleibt eine philosophische Frage: Ist jetzt auch unser Denken erschüttert? Beim großen Erdbeben am 1. November 1755 in Lissabon war das offensichtlich der Fall. Philosophen und Theologen sprechen von einer Zäsur mit diesem Datum. Das einfache Denkmuster, dass Seuchen eine Bestrafung durch Gott sind, funktionierte ab diesem Zeitpunkt nicht mehr.

Umgang mit gewaltigen Tragödien ist nicht erlernbar

Aus der Geschichte wissen wir: Mit dem Datum 1.11.1755 wurde der Atheismus gewissermaßen gesellschaftsfähig. Und auch jetzt wird immer häufiger die Frage gestellt: „Wo war Gott?“ Es gibt keinen erlernten Umgang mit solch gewaltigen Tragödien.

Warum um alles in der Welt Gott – der gütige Gott – das zulässt? Allerdings: So formuliert unterstellt die Frage, dass Gott mit seinem bewussten Willen solche Tragödien überhaupt zulässt.

Warum lässt Gott das zu?


Zudem: Wenn Gott wirklich strafen wollte, würde er seinen Groll bestimmt nicht ausgerechnet an den Ärmsten der Armen auslassen. Aber die Frage: „Warum lässt Gott das zu?“ – die lässt sich damit auch nicht beantworten. Ich zweifele sogar daran, dass es jemals auf dieser Erde eine für uns Menschen befriedigende Antwort geben wird!

Es ist schon ganz richtig, die im wahrsten Sinne des Wortes himmelschreiende Frage nach dem „Warum“ Gott entgegen zu schleudern, ja sogar mit ihm zu „schimpfen“. Allerdings sollte es fair zugehen. Ganz gleich was wir an Antworten zurück bekommen: In der Not bitten wir um Gottes Eingreifen – in anderen Fällen verbitten wir uns das. Vielleicht sollten wir uns jetzt auch Gedanken darüber machen, wie es in Zukunft mit unserem Denken, ja mit dem Gottesglauben überhaupt, weiter geht.
 
  • Martin Frohnhöfer macht sich in seiner Kolumne „Von Mensch zu Mensch“ für die Leser der Grevener Zeitung jeden Samstag seine Gedanken über Gott und die Welt. 
  • Im Internetwww.frohni-reckenfeld.de

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