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Medienhaus Lensing
02.02.2012 15:58 Uhr
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Atelierbesuch in Rheine: Dietmar Schmales Kunstlinie ist blutrot

RHEINE Dietmar Schmale ist Künstler aus Rheine. Er arbeitet mit Fotos, macht Objektkunst, Kunst im öffentlichen Raum und Performances. In einem Atelier in einer ehemaligen Spinnerei gibt er einen Einblick in sein Schaffen.Von Anna Altfelix

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Dietmar Schmale auf einem Turnkasten, der in der Ausstellung "o.T." in Kloster Bentlage zu sehen war. (Foto: Anna Altfelix)

Im Atelier von Dietmar Schmale ist es kalt. Die luftigen Räume befinden sich auf dem Fabrikgelände einer ehemaligen Spinnerei. Das Atelier ist Schmales Werkstatt, darin stehen eine Tischkreissäge und ein Kompressor. An der Wand lehnen Dachlatten, auf dem Boden stehen Stühle, Farbeimer und Koffer, über die sich eine dicke Staubschicht gelegt hat.

Objektkunst und Performances

Es gibt einen kleinen Heizlüfter, aber richtig warm macht der nicht. „Im Winter arbeite ich meistens von zu Hause, dort stehen auch zwei Computer“, sagt Dietmar Schmale. Am Computer bearbeitet der 45-Jährige seine Fotos. Außer in der Fotografie arbeitet der gebürtige Rheinenser in den Bereichen Objektkunst, Performances und Kunst im öffentlichen Raum.

Für Schlagzeilen gesorgt hat die Aktion „Rückgabe – Kulturaustausch“: Schmale hat 2010 in Danzig Pinsel und Kamera gegen Schrubber und Wischlappen ausgetauscht. „Ich wollte an der absoluten Lohnuntergrenze arbeiten“, sagt Schmale, der bei seiner Großmutter aufgewachsen ist. „Polnische Putzfrau war ein fester Begriff, auch meine Großmutter beschäftigte eine.“ Viele der Frauen arbeiteten ebenfalls am Existenzminimum. „Es sollte eine symbolische Rückgabe, eine Geste sein, um die Arbeit dieser Frauen zu würdigen.“

Selbsterfahrung

Selbsterfahrung ist ein wichtiger Begriff im Schaffen von Dietmar Schmale. In China hat er sich in Blutrot die Kunstlinie der rechten Hand nachtätowieren lassen. Selbstinszenierung, den eigenen Körper an seine Grenzen bringen, sind für ihn wichtig. „Weil man mit dem Körper mehr spürt, als man nur mit den Augen sieht.“

Auf vielen seiner Fotos ist er selbst zu sehen. Er schlüpft in unterschiedliche Rollen, löste als Geiger in Polen eine halbe Stunde den Straßenmusikant vom Platz ab, ohne zuvor je Geige gespielt zu haben. Als Vorbild nennt Schmale den japanischen Performance-Künstler Tehching Hsieh, der durch seine „Ein-Jahr-Performances“ bekannt wurde. Dabei sperrte Hsieh sich zum Beispiel ein Jahr lang in einen Holzkäfig ohne zu reden, zu lesen, zu schreiben, fernzusehen oder Radio zu hören.

Keine halben Sachen

„Ich bewundere die Intensität der Performance und die Stärke, das durchzuziehen.“ Die Person Dietmar Schmale ist von seiner Kunst nicht zu trennen. Er macht keine halben Sachen, überdenkt im Spannungsfeld Kunst und Gesellschaft seine Rolle immer wieder. „Künstlertum ist für mich nur vorstellbar, wenn ich mich auch theoretisch mit Kunst auseinandersetze.“

Schmale ist ein Getriebener seiner Ideen, kompromisslos. „Der Fehler fängt schon an, wenn einer Pinsel und Leinwand kauft“, zitiert Schmale Joseph Beuys. „Es geht nicht um Standardlösungen, wenn ich etwas machen will, beschaffe ich mir das passende Material.“ Als er niemanden fand, der ihm die Turngeräte lackierte, die er in der Ausstellung „o.T.“ im Kloster Bentlage zeigte, baute er im Atelier ein Zelt auf, um die schwarze Farbe nicht überall zu versprühen, und lackierte Schwebebalken, Barren und Pferd mit Klavierlack selbst, Schichte für Schicht.

Mandalas aus OP-Besteck

Der Nerz, mit dem der Turnkasten bezogen ist, war einmal der Pelzmantel seiner Großmutter. Wenig überraschend, denn jedes Kunstwerk, jedes Projekt hat mit ihm, seinen Erfahrungen, seinem Werdegang zu tun. Zum Beispiel die Mandalas aus OP-Besteck. Amputationssäge und Skalpell formen die kreisförmigen Bilder, die in östlichen Religionen zur Meditation und vertiefter Konzentration verwandt werden. In ihrer Ästhetik und der Assoziation von Krankheit und Tod lösen sie konträre Empfindungen aus, irritieren.

Bevor Schmale im niederländischen Enschede Kunst studierte, absolvierte er ein Medizinstudium. Kurz vor Schluss brach er ab. „Ich wollte die hermetische Welt mit hierarchischen Strukturen nicht. In der Kunstakademie konnte ich zum ersten Mal frei atmen.“ Das Studium änderte jedoch den Blick auf Krankheit, Leben und Tod: „Für mich ist ein Skalpell nichts Abstoßendes mehr.“

Zwangsläufige Logik

Intuitiv geht Schmale oft an seine Projekte, „man wacht nachts auf und hat irgendwas im Kopf.“ Andere Projekte ergeben sich, aus einer scheinbar zwangsläufigen Logik, schöpfen aus einem soziologischen Kontext und sind genau geplant, wie die Putzmann-Aktion. Zu Hause hat der Künstler nach eigener Aussage eine Datenbank mit Hunderten von Ideen. Schmale arbeitet immer an mehreren Projekten gleichzeitig.

Ein Langzeitprojekt ist eine Rauminstallation mit Büchern, die das Wort „Kunst“ im Titel tragen, zum Beispiel „Die Kunst des Furzens“ oder „Die Kunst, den richtigen Mann zu finden“. „Die Bücher geben vor, Kunst zu sein, aber Kunst dient nur als Verkaufsargument“, sagt Schmale. Er hat die Bücher in ein enges Korsett, in Holzkästen, geklebt und ihrem Zweck entzogen. Lesen kann sie nun keiner mehr. 


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